Was ein xG-Wert tatsächlich bedeutet
Expected Goals ist keine Vorhersage des Endergebnisses, sondern eine Wahrscheinlichkeitsbewertung einzelner Abschlüsse. Ein Schuss mit 0,20 xG gehört zu einer Klasse von Chancen, die nach dem jeweiligen Modell ungefähr in zwei von zehn vergleichbaren Fällen zu einem Tor führen. Das sagt nichts darüber aus, ob genau dieser eine Ball heute reingeht.
Für ein Spiel werden die Werte der Abschlüsse meist addiert. So entsteht beispielsweise ein Teamwert von 1,8 xG. Dahinter können zwei riesige Chancen stecken oder zehn mittelmäßige. Deshalb schaue ich nie nur auf die Endsumme, sondern wenn möglich auch darauf, wie sie zustande kam.
Welche Faktoren in ein xG-Modell einfließen
Klassische Modelle berücksichtigen unter anderem Entfernung und Winkel zum Tor, den verwendeten Körperteil und die Art der vorherigen Aktion. Moderne Modelle können zusätzliche Informationen einbeziehen, etwa Positionen von Torhüter und Verteidigern. Genau deshalb ist xG nicht eine weltweit einheitliche Formel.
Hudl Statsbomb weist selbst darauf hin, dass unterschiedliche Modelle unterschiedliche Faktoren verwenden. Wenn zwei Anbieter nach demselben Spiel 1,65 und 1,92 xG melden, muss also nicht einer davon falsch sein. Sie rechnen schlicht mit verschiedenen Modellen und Datengrundlagen.
Warum xG manchmal besser aussieht als das Ergebnis
Fußball hat wenig Tore und damit viel Zufall auf kleiner Stichprobe. Eine Mannschaft kann drei sehr gute Chancen vergeben und durch einen abgefälschten Fernschuss verlieren. Das Ergebnis bleibt 0:1. xG kann trotzdem zeigen, dass die Qualität der herausgespielten Chancen eher auf der anderen Seite lag.
Das ist für die Analyse wertvoll, weil wir Spielleistung und Abschlussglück etwas besser trennen können. Es bedeutet aber nicht, dass ein Team moralisch gewonnen hat. Tore entscheiden Spiele. xG hilft nur dabei, den Weg zum Ergebnis genauer zu verstehen.
Wo xG an Grenzen stößt
Ein einzelnes Spiel bleibt eine kleine Stichprobe. Außerdem bewertet xG in erster Linie Abschlüsse. Eine gefährliche Situation, die durch einen schlechten letzten Pass gar nicht zum Schuss wird, taucht im klassischen xG-Wert nicht als Chance auf. Ebenso können Spielstand, Gegnerverhalten und taktische Risiken die Interpretation verändern.
Dazu kommt: Ein Modell ist immer nur so gut wie seine Daten und Annahmen. Deshalb halte ich wenig davon, nach 90 Minuten mit einer einzigen Zahl die komplette Leistung abzuhaken. Wer xG als Ergänzung nutzt, bekommt Mehrwert. Wer daraus die einzige Wahrheit macht, macht es sich zu einfach.
Wie ich xG bei HSV-Spielen lesen würde
Wenn der HSV über mehrere Spiele hinweg regelmäßig mehr und bessere Chancen kreiert als der Gegner, ist das ein positives Signal, auch wenn einzelne Ergebnisse schwanken. Umgekehrt kann eine Siegesserie mit dauerhaft schwachen Chancewerten ein Hinweis sein, genauer hinzusehen. Nicht als Prophezeiung, sondern als zusätzliche Perspektive.
Meine Meinung: xG ist eine der nützlichsten modernen Fußballzahlen, wenn man sie nicht größer macht, als sie ist. Sie beantwortet die Frage „Wie gut waren die Abschlüsse?“ ziemlich gut. Die Frage „Wie gut war das komplette Spiel?“ beantwortet sie allein nicht.